Erfolgsgeschichten: Ina Reichinger



Ina Reichinger, 60 Jahre alt, leitet die Ehe- und Lebensberatungsstelle Hermannsburg, ist seit knapp 25 Jahren Familien- sowie Suchttherapeutin, Supervisorin und seit diesem Jahr für amara tätig.
Ina Reichinger Vor Beginn des neuen Suchttherapie-Kurses, den Ina Reichinger leiten wird, hat unser Werksstudent Thorben sie interviewt.
Thorben: Was sind die wichtigsten Erfahrungen aus deinem vielfältigen Werdegang?
Ina Reichinger: Mein Leitspruch ist: das Wort, das hilft, kannst du dir nicht selbst sagen. Das ist das Motto meiner Arbeit aber auch meines Lebens. Auch ich suche mir Gesprächspartner! Wer aktiv danach sucht, findet auch immer jemanden, der einem weiterhelfen kann. Meine Erfahrung ist, dass Lernen ein ganz wichtiger Teil des Lebens ist, der bis zum letzten Tag anhalten sollte. Schwierigkeiten haben vor allem die Menschen, die sich auf diesen Lern- und Veränderungsprozess nicht einlassen. Da denke ich an erster Linie an suchtkranke Menschen.
Thorben: Die Therapie ist ja ein abwechslungsreiches Arbeitsfeld, wieso ist bei dir Suchtberatung zum Schwerpunkt geworden?
Ina Reichinger: Das kam ganz zufällig! Ich habe über Frauen und Alkoholismus meine Diplomarbeit geschrieben und aufgrund einer privaten Situation wenig später in einer Suchtklinik eine Arbeitsstelle gefunden – es hat sich ein Stück weit ergeben. Im Laufe meiner beruflichen Zeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele, die im Suchtbereich eingestiegen sind, von vorne herein gesagt haben: das mach ich höchstens 5 Jahre! Viele sind aber, wie ich, da länger hängengeblieben (lacht). Es gibt also eine gewisse Parallele im Professionellen (lacht).
Thorben: Süchtig nach Suchtberatung! (lacht)
Ina Reichinger: Ja, du merkst es selber, auch weil ich jetzt darüber lache: In der Arbeit sowie ganz generell im Leben gilt: Ohne Humor geht nichts! Da kann man ein Stück mehr
annehmen und ich denke Selbstironie ist auch oft sehr hilfreich (lacht). Humor bringt eine gewisse Offenheit und Leichtigkeit aber auch eine gewisse Distanz, besonders was schwere Themen angeht. Ich kann an Klienten, die ihr Lachen wiederfinden bzw. über sich selbst lachen können, erkennen, dass sie schon ganz weit aus ihrer Problematik ausgestiegen sind.
Thorben: Bei amara bist du erst seit diesem Jahr tätig?
Ina Reichinger: Genau! Ich wollte den Bildungsträger wechseln und habe von einigen, die bei amara ihre Ausbildung gemacht haben viel Gutes gehört. Mund-zu-Mund-Propaganda quasi.
Thorben: Du leitest bald einen Kurs für Suchtberatung. Der startet am 11. Juni. Worauf freust du dich da am meisten?
Ina Reichinger: Ich freue mich immer, wenn ich mit dazu beitragen kann, dass Menschen ihre Haltung zu dem Thema verändern. Menschen tendieren eher dazu, eine co-abhängige Haltung zu entwickeln. Das heißt: zu viel Verantwortung zu übernehmen, sich zu wenig abzugrenzen, zu wenig Konfrontation. Ohne klare Haltung funktioniert es nicht! Das möchte ich vermitteln.
An sich gibt man in Beratungstätigkeiten ja immer Hilfe zur Selbsthilfe. Das Besondere an der Arbeit mit Suchtkranken ist, dass ihr Verhalten sehr passiv ist. Indirekt sind sie sehr manipulativ und laden uns als Helfer dazu ein, ihnen viele Dinge abzunehmen. Wenn das nicht so wäre, wären die nicht über Jahre/Jahrzehnte suchtkrank gewesen.
Thorben: Wenn sich jetzt jemand potentiell für den Kurs interessiert, was würdest du noch mit auf den Weg geben wollen?
Ina Reichinger: Offenheit für das Thema mitbringen! Und Spaß am Lernen. Mir geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern vor allem an der eigenen Haltung zu arbeiten. Wer sich auf ein ganzheitliches Lernen einlassen möchte, ist hier gut aufgehoben. Sonst kann ich auch einfach ein Buch lesen - aber das Lernen von Menschen, mit Menschen, für Menschen ist ja gerade das Schöne. Deshalb hoffe ich, dass Corona den Kurs nicht vollständig in den digitalen Raum verdrängt!
Thorben: Apropos Corona: Was gibt es für aktuelle Trends in der Suchtforschung?
Ina Reichinger: Ich denke Corona hat einen insofern einen Einfluss, dass vor allem die Selbsthilfe massiv betroffen war. Lange Zeit haben sich Gruppen nicht getroffen. Ich selbst begleite eine Gruppe und wir haben uns seit Monaten nicht treffen können. Viele haben sowieso schon mit Vereinsamung zu tun.
Eine generelle Entwicklung ist, dass jüngere Suchtkranke mehrfach abhängig sind, Suchtkranke werden zudem immer jünger. Außerdem werden Stoff-ungebundene Suchtformen häufiger - zum Beispiel Medienabhängigkeit. Das wird erst in Kürze als Krankheit anerkannt! Als ich angefangen habe zu arbeiten, waren die Menschen in erster Linie alkoholkrank und gleichzeitig gesellschaftlich integriert.
Thorben: Alkohol in dem Sinne als Volksdroge?
Ina Reichinger: Damals war es DIE Volksdroge. Heute ist die Palette an Suchterkrankungen viel breiter geworden. Und man muss sagen, dass die Suchtkranken viel mehr vorgeschädigt sind, heißt: es gibt viel öfter psychiatrische Erkrankungen in der Vorgeschichte.

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