Erfolgsgeschichten: Cathleen Tischoff



Cathleen Tischoff, 33 Jahre alt, ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Lerntherapeutin, Bühnentechnikerin, Dozentin bei amara und an der Universität Hildesheim.
Cathleen Tischoff Vor Beginn des neuen Psychotraumatologie-Kurses, den sie gemeinsam mit Meena Knierim ab dem 31. Oktober leiten wird, hat unsere Werksstudentin, Katharina Stein, beide Dozentinnen interviewt.

Katharina Stein: Cathleen, was sind wichtige Dinge, die du in deiner Karriere gelernt hast?

Cathleen Tischoff: Was man eigentlich für alle Situationen braucht, ist innere Klarheit und strukturiertes Vorgehen. Dabei ist es völlig egal, ob man mit Klienten, Selbsthilfegruppen oder theaterpädagogischen Gruppen mit Geflüchteten zu tun hat. Außerdem braucht man immer die Fähigkeit, auf andere Person einzugehen. Herauszukitzeln, was sie wirklich ausdrücken wollen. Gerade im Theater! (lacht) All das sind Dinge, die diese Arbeitsbereiche erstaunlich mehr miteinander verbindet, als es nach außen aussieht.

Katharina Stein: Gerade dadurch, dass es so ein vielfältiger Werdegang ist, den du hingelegt hast - wie bist du dazu gekommen, dass du Heilpraktikerin für Psychotherapie geworden bist? 
 
Cathleen Tischoff: Eigentlich ist mein Werdegang viel stringenter als es scheint. Als ich im Alter von 18 Jahren in Tübingen studierte, überlegte ich, nicht doch auf Psychologie umzusteigen. Ich habe die Idee vorerst verworfen - allerdings war ich mit dem ersten Studiengang nicht lange glücklich und bin dann zu den Hildesheimer Kulturwissenschaften gewechselt. Als wissenschaftliches Bezugsfach neben der Kulturpraxis konnte ich Psychologie wählen. Das habe ich dann intensiver studiert als vorgeschrieben und viel mehr Scheine absolviert als eigentlich dafür vorgesehen war. Deswegen war es auch nur logisch nach dem Abschluss zu überlegen, ob es für mich eher in Richtung Kultur oder Psychotherapie geht. Schließlich war es gar nicht so kompliziert - ich habe einfach in der Kultur mein Geld verdient und mich in der Psychotherapie ausbilden lassen. 

Katharina Stein: Wie ist es danach dazu gekommen, dass du Dozentin bei amara geworden bist?

Cathleen Tischoff: Durch einen Freund habe ich nach meiner „Heilpraktiker-für-Psychotherapie-Prüfung“ erfahren, dass bei amara nach neuen Dozierenden gesucht wird, woraufhin ich dort direkt angerufen habe und auch zum Probeunterrichten eingeladen wurde. Da ich bei amara schon während meiner Ausbildungszeit mit viel Freude Tutorien organisiert habe, haben sie gefragt, ob ich auch jetzt Tutorien machen möchte – was ich natürlich sofort zugesagt habe! Und nach wie vor bin ich Feuer und Flamme für den Job. Was amara von vielen anderen Ausbildungseinrichtungen unterscheidet, ist die Tatsache, dass uns die Entwicklung der Person als Ganzes am Herzen liegt. Es ist nicht so, dass du einfach hingehst und dir Wissen abholst, sondern es ist auch ein Platz für eigene Entwicklung, eigene Themen, eigene Barrieren und eigene Ängste, die angeschaut werden dürfen. Für mich ist das ein starkes Qualitätsmerkmal, weswegen ich auch so gerne dort als Dozentin arbeite.

Katharina Stein: Ich wollte gerne mit dir über die Psychotraumatologie-Fachfortbildung reden, die du mit Meena Knierim leiten wirst. Worauf freust du dich am meisten, wenn du an den Beginn der Fachfortbildung denkst?

Cathleen Tischoff: Ich bin ein großer Fan der Psychoneuroimmunologie und des Somatic Experiencing. Ich finde es sehr erstaunlich, welche Erkenntnisse wir mittlerweile über die Selbstheilungskräfte des Menschen und die Funktionen unseres Gehirns wissen. Beispielsweise, dass eine Traumatisierung nicht nur ein rein psychologischer Prozess ist, sondern es eben auch zu typischen Fehlanpassungen im Bereich der Stressregulation des Körpers kommt. Zudem kennen wir mittlerweile Möglichkeiten, wie wir das wieder reparieren können. Das ist einfach faszinierend! Am meisten freue ich mich also darauf das Wissen zu vermitteln, dass nicht nur die Psyche auf den Körper wirkt, sondern dass es eben auch andersherum funktioniert: Dass wir durch Körperarbeit die Psyche nachhaltig beeinflussen zu können.

Katharina Stein: Kannst du mir die Psychotraumatologie-Fachfortbildung in eigenen Worten zusammenfassen? Wie wird der Kurs aufgebaut sein?

Cathleen Tischoff: Der Kurs umfasst insgesamt drei Teile. Einer davon ist die Entwicklung von einem psychologischen und neurologischen Verständnis. Im zweiten Teil geht es darum, wie wir mit den Klienten umgehen können. Beispielsweise welche Arten von Hilfe nachweislich wirken oder inwiefern ein grundsätzliches Urvertrauen geschädigt wurde. Der letzte Teil, der Meenas Idee war, bezieht sich auf die Selbstfürsorge für Therapeut*innen. Wie kann ich mir selbst helfen? Wie kann ich so stabil sein, dass ich das Gegenüber bin, das eine traumatisierte Person braucht? Das ist so wichtig!

Katharina Stein: Wie würdest du den Kurs potenziellen Interessierten beschreiben? Was sollte man wissen, bevor man sich für den Kurs anmeldet? 

Cathleen Tischoff: Ein Beweggrund, diesen Kurs zu belegen, könnte sein, dass ca. 75% aller Menschen weltweit ein Trauma erleben. Zeuge sein bei einem Unfall oder einer Naturkatastrophe, aber auch schlimmeres, wie zum Beispiel Folter, der plötzliche Tod eines Kindes oder kontinuierliche sexualisierte Gewalt in der Jugend durch nahe Verwandte. Denken Sie mal an die zahlreichen Traumata von Geflüchteten, und welche Wirkung das für eine Gesellschaft hat, wenn diese nicht versorgt werden. Es geht eben darum, uns die Geschichten anzuhören und auch durch nonverbale Methoden den Ausdruck des „Großen Schreckens“ unterstützen zu können – über Körper, Kunst, Theater, Tanz, Musik. Das wirkt!
Ich finde, dass bereits das Wissen, wie ein Trauma wirkt, einen viel kompetenter die gesamte Debatte um Rassismus, Gewalt, Kriminalität oder den generellen Umgang mit Menschen betrachten lässt. Bereits dieses Wissen kann schon enorm nützlich sein. Es ist eben ein Thema, das auch einem selbst hilft. Über das Selbstverstehen kann ich andere verstehen! 
 
Katharina Stein: Es klingt so, als könnte der Kurs generell dabei helfen, reflektierter auf traumatisierte Personen zugehen zu können.

Cathleen Tischoff: Ja, so ist es! Die Traumapädagogik und die Traumatherapie sieht in jedem Verhalten einen guten Grund. Beispielsweise wenn sich mir gegenüber jemand aggressiv verhält, ist es wichtig, dass ich die nötige Offenheit habe, nach dem guten Grund zu suchen. Und diesen guten Grund zu erkennen und verstehen zu können, ist sehr wertvoll. Du nimmst viel weniger persönlich.

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